von Joachim Dengler
Hintergrund und Vorgeschichte
Einführung
Am 28. April 2025, um 12:33 Uhr, erlebte Spanien einen massiven Stromausfall, der das gesamte Stromnetz der Iberischen Halbinsel lahmlegte. Dieser Blackout, der als eines der schwerwiegendsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte des Landes gilt, hatte seine Wurzeln in einer Kombination aus technischen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren, die sich über Monate und Jahre entwickelten. Dieser Bericht analysiert die zeitliche Abfolge, die Ursachen und die Konsequenzen des Ausfalls basierend auf den bereitgestellten Daten.
Vorgeschichte und Warnsignale
Bereits im Frühjahr 2024 zeigten sich erste Anzeichen von Instabilität im spanischen Stromnetz. Nach Jahren sinkender Stromerzeugungspreise für Wind- und Solarenergie sanken diese auf negative Day-Ahead-Preise, was darauf hinwies, dass die Marktdynamik nicht mehr ausreichte, um die Erzeugung rentabel zu halten. Trotz Subventionsmaßnahmen wurde die Drosselung erneuerbarer Energien zunehmend notwendig, was die „Flitterwochen für erneuerbare Energien“ beendete[1]. Studien wie die der Organisation „Ökologischer Wandel“, prognostizierten, dass die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts im Jahr 2025 fünfmal höher sei als 2021[2]. Der Mutterkonzern Red Eléctrica, Redeia, warnte zwei Monate vor dem Ereignis seine Investoren vor den Risiken, die durch den Ausbau erneuerbarer Energien und den Rückgang konventioneller Kraftwerke (Kohle, Gas, Kernkraft) entstehen. Die Stromversorgung könnte durch die hohe Durchdringung erneuerbarer Energiequellen erheblich beeinträchtigt werden. Besonders die geringere Systemträgheit und die Unfähigkeit, sich an Störungen anzupassen, wurden als kritische Faktoren genannt[3].
Exkurs über die Momentanreserve
Die erwähnte Systemträgheit, auch Momentanreserve genannt, wird dadurch geschaffen, dass die konventionellen Kraftwerke Generatoren mit rotierenden, schweren Schwungmassen haben, die mit exakt 3000 Umdrehungen pro Minute die Netzfrequenz von 50 Hz stabil halten, indem sie allein aufgrund ihrer Massenträgheit kurzfristige Lastunterschiede ausgleichen. Vereinfacht kann man sich vorstellen, dass sie für eine gewisse kurze Zeit von wenigen Sekunden die Spannung und die Frequenz bezogen auf die Leistung des verbundenen Generators hinreichend stabil halten. Abbildung 1 zeigt die Momentanreserve der verschiedenen Kraftwerkstypen. In einem Netzverbund ist die gesamte Momentanreserve das gewichtete Mittel der Momentanreserven aller aktiven Kraftwerke.

Abbildung 1: Momentanreserve verschiedener Kraftwerkstypen[4]
Das Problem besteht darin, dass Windkraft und Photovoltaik über gar keine Momentanreserve verfügen. Um die von der Vereinigung der Netzbetreiber ENTSO-E geforderte Mindestreserve von 2 s zu erreichen, müssen mehr als 50% der Netzlast durch die Momentanreserve konventioneller Kraftwerke abgedeckt sein. Diese können zwar ohne Verlust der Momentanreserve auf etwa die Hälfte ihrer Nennleistung heruntergeregelt werden, aber wenn ein Kraftwerk ganz abgeschaltet wird, verschwindet sein Beitrag zur Momentanreserve.
Die Entwicklung der Momentanreserve in Spanien ist in Abbildung 2 zu sehen. Es ist klar erkennbar, dass Mitte April eine deutliche Absenkung der Momentanreserve erfolgte. Die rote Linie entspricht einer Momentanreserve von 2,1 Sekunden. Unbestätigte Quellen vermuten, dass im Laufe des Vormittags am 28.4. sich die aktive Momentanreserve auf 1,2 Sekunden verringerte (infolge abgeschalteter Laufwasser- und Gaskraftwerke), was zu dem in Abbildung 3 gezeigten riesigen PV-Anteil an der Stromversorgung in der Mittagszeit passen würde.

Abbildung 2: Entwicklung der Momentanreserve in Spanien (absolute Zahlen, um zu der Maßeinheit Sekunden zu kommen, muss diese Zahl noch durch die Gesamtlast, im Schnitt etwa 35 GW, geteilt werden)[5]

Abbildung 3: Öffentliche Stromerzeugung in Spanien in Woche 18 2025[6]
Entwicklung in den Tagen vor dem Blackout
Sechs Tage vor dem Ausfall, am 22. und 24. April, berichtete Red Eléctrica von ungewöhnlichen Kombinationen von Störungen, die das Netz destabilisierten. Am 22. April um 19:00 Uhr führte eine plötzliche Richtungsänderung des Stromaustauschs mit Portugal (von Export zu Import) sowie eine Reduzierung der Photovoltaikproduktion durch schlechte Wetterbedingungen zu Spannungsschwankungen[7]. Ähnliche Probleme traten am 24. April um 18:00 Uhr auf, als ein rascher Anstieg der Photovoltaikproduktion und Exports nach Frankreich die Leitungen überlastete[8]. Diese Ereignisse deuteten auf eine wachsende Verwundbarkeit des Netzes hin, die durch die hohe Abhängigkeit von erneuerbaren Energien verstärkt wurde.
Verlauf des Blackouts und Folgen
Ablauf des Blackouts am 28. April 2025
Der eigentliche Zusammenbruch begann um 12:33 Uhr, als das Netz ein erstes „Ereignis“ erlitt, vermutlich ein Verlust erneuerbarer Erzeugung, möglicherweise solarbasierter Anlagen im Südwesten Spaniens. Innerhalb von Millisekunden stabilisierte sich das System kurzzeitig, doch 1,5 Sekunden später folgte ein zweites Ereignis, das die Instabilität verschärfte[9]. Etwa 3,5 Sekunden nach dem ersten Ereignis brachen die Verbindungen nach Frankreich zusammen, was den Stromfluss von etwa 2,5 GW unterbrach[10]. Der Frequenzabfall erreichte schließlich 49,25 Hz bei einer Rate of Change of Frequency (RoCoF) von -0,8 Hz/S, was zum vollständigen Netzversagen führte[11]. Der Verlust von 15 GW Solarenergie und die anschließende Notabschaltung konventioneller Kraftwerke (z. B. Kernkraftwerke, wie der automatische Abschalt des Reaktors in Golfech um 12:34 Uhr) trugen zum Kollaps bei[12].
Ursachen und technische Details
Die Hauptursache war ein Überangebot an erneuerbarer Energie, was zu Frequenzabweichungen führte. Insbesondere wurde die für die Stabilität des Stromnetzes notwendige Momentanreserve durch das Abschalten der konventionellen Laufwasser- und Gaskraftwerke am Vormittag auf gefährliche Werte unter 2 Sekunden abgesenkt. Schutzrelais schalteten Teile des Netzes ab, und die geringe Momentanreserve sowie der gleichzeitige Ausfall von Kraftwerken wie Omledilla (130 MW) und UF Sabinar (193 MW) verschärften die Krise[13]. Die hohe asynchrone Erzeugung (über 70 % in den Wochen zuvor) und die Abhängigkeit von instabilen Verbindungen (z. B. nach Frankreich) machten das System anfällig für kaskadierende Ausfälle[14].
Nachwirkungen und Maßnahmen
Nach dem Blackout aktivierte Spanien Laufwasser- und Gaskraftwerke, um das Netz zu stabilisieren, und drosselte PV und Windkraftenergie vorübergehend[15]. Die Wiederherstellung der Versorgung war ein langwieriger Prozess, der einen ganzen Tag dauerte. Der Vorfall hat die Debatte über den Ausbau erneuerbarer Energien und die Notwendigkeit robusterer Netzinfrastrukturen angeheizt.
Fazit
Der Blackout vom 28. April 2025 war das Ergebnis kumulativer Warnsignale, die ignoriert wurden, kombiniert mit technischen Schwächen im Umgang mit erneuerbaren Energien. Eine verbesserte Netzstabilität, höhere Reserven und eine balancierte Energiemix-Strategie sind zwingend erforderlich, um zukünftige Krisen zu verhindern. Konkret muss zu jedem Zeitpunkt sichergestellt sein, dass die Momentanreserve mindestens 40 %, besser 50 % der Last ist. Solange noch keine zuverlässigen netzbildenden Wechselrichter im Einsatz sind, sind damit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien klare Grenzen gesetzt.

Abbildung 4: Entwicklung der Momentanreserve in Deutschland[16]
Wenn man sich den Rückgang der Momentanreserve in Deutschland in Abbildung 4 vergegenwärtigt, ist die Frage berechtigt, wie lange das Netz noch stabil zu halten ist. Deutschland hat zwar im Vergleich zu Spanien den Vorteil hoher Vernetzung mit seinen Nachbarn, aber für den Fall ernsthafter Probleme haben einige Nachbarn bereits insofern Vorsorge getroffen, dass sie gegebenenfalls die Verbindung nach Deutschland kurzfristig sperren können. Der Blackout in Spanien muß ein Weckruf sein, um wieder der Zuverlässigkeit der Stromversorgung und der Netzstabilität oberste Priorität zu geben.
Erstellt am 08. Mai 2025 basierend auf den bereitgestellten Daten von Stefan Spiegelsperger (Youtube Outdoor Chiemgau): https://www.youtube.com/watch?v=ty483srwuNU , überarbeitet am 14. Juni 2025.
Dieser Artikel erschien zuerst im IDA-Magazin (Ausgabe 4)

Literatur und Quellen
[1]Montelnews, „The Iberian Blackout: Ambition vs. Inertia“, https://montelnews.com/news/b230abfb-a11e-415e-910d-f1a190e0a590
[2] Okdiario, „Sánchez conocía el riesgo de apagon“, https://okdiario.com/espana/sanchez-conocia-riesgo-apagon-transicion-ecologica-aviso-que-era-5-veces-mayor-que-2021-14687783
[3] El País, „La matriz de Red Eléctrica alertó hace dos meses del riesgo de desconexiones severas“, https://elpais.com/economia/2025-04-29/la-matriz-de-red-electrica-alerto-hace-dos-meses-del-riesgo-de-desconexiones-severas-por-el-aumento-de-las-renovables.html
[4] https://www.tech-for-future.de/momentanreserve/
[5] https://www.tech-for-future.de/momentanreserve/
[6] https://www.energy-charts.info/charts/power/chart.htm?l=de&c=ES&week=18
[7] La Sexta, „Red Eléctrica reconoció en informe que seis días antes del apagon“, https://www.lasexta.com/noticias/nacional/red-electrica-reconocio-informe-que-seis-dias-antes-apagon-sistema-sufrio-combinacion-incidencias-que-nunca-habian-coincidido_20250505681885af319ae75da4c0b359.html
[8] Ebenda
[9] https://pbs.twimg.com/media/Gp7b2JUXEAAFimQ?format=jpg
[10] Ebenda
[11] Fraunhofer, „Energy-Charts_Talks_47_Apagon.pdf“, https://www.energy-charts.info/energy-charts_talks/Energy-Charts_Talks_47_Apagon.pdf
[12] EDF, „Actualité de l’unité de production n°1“, https://www.edf.fr/la-centrale-nucleaire-de-golfech/les-actualites-de-la-centrale-nucleaire-de-golfech/actualite-de-l-unite-de-production-ndeg1?utm_source=chatgpt.com
[13] Bild Spain Grid Failure, https://www.saurugg.net/2025/blog/stromversorgung/grossflaechiger-stromausfall-auf-der-iberischen-halbinsel-am-28-april-2025; Montelnews, „La generación cayó en España 19 segundos antes del apagon“, https://montelnews.com/es/news/0fa10545-ccbe-4182-bc45-5a1d301cbcc8
[14] Montelnews, „The Iberian Blackout: Ambition vs. Inertia“, https://montelnews.com/news/b230abfb-a11e-415e-910d-f1a190e0a590
[15] Montelnews, „España corta renovable y activa gas para asegurar la red“, https://montelnews.com/es/news/61b7a85c-f2d5-4ea3-89a7-a4a56e8357e3
[16] https://www.tech-for-future.de/momentanreserve/


Danke für diese fachliche Aufklärung. Insbesondere auch für den Blick auf die EU am Schluss.